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Arbeitslosentreff

Adalbert Kuhn moderiert seit 15 Jahren den Arbeitslosentreff in Plochingen.
Er hält es für unverantwortlich, Menschen ohne Erwerbsarbeit auch noch als
Faulenzer und Drückeberger zu stigmatisieren.

(Artikel aus der Esslinger Zeitung vom 13.10.2010)

Trotz rückläufiger Arbeitslosenzahlen hat der Arbeitslosentreff in Plochingen seine Bedeutung für die Betroffenen nicht verloren. Das zeigen 2200 Teilnehmer, die Adalbert Kuhn innerhalb von 15 Jahren die Treffs besuchten. Adalbert Kuhn ist der Moderator des Arbeitslosentreffs. Der 58-jährige Theologe leitet die katholische Erwachsenenbildung in Esslingen. Kuhn zieht im Gespräch mit Hans-Joachim Hirrlinger eine Bilanz dieser 15 Jahre.

Viele Arbeitslose verschweigen ihre Situation vor Nachbarn und Verwandten. Woran liegt das?

Kuhn: Es geistern immer noch die alten Vorurteile herum: Wer arbeiten will, findet auch Arbeit. Aber wirkliche Drückeberger sind nur 1,5 bis 2 Prozent der Erwerbslosen. Wenn das Selbstbewusstsein ohnehin angekratzt ist, neigen die Arbeitslosen dazu, sich selbst die Schuld zu geben, obwohl Arbeitslosigkeit strukturell bedingt ist und jeden treffen kann.

Ist Verschweigen eine Art passives Wehren gegen soziale Ausgrenzung?

Kuhn: Ich habe mit Menschen zu tun, die sich zeigen. Aber ich glaube, dass es Resignation und Rückzug ist. Sich wehren, würde ja heißen, nach außen zu gehen.

Sogar einige seriöse Politiker bezeichnen Arbeitslose pauschal als Faulenzer und Drückeberger. Ist das in Ordnung?

Kuhn: Es ist ein Skandal, wenn Politiker das sehenden Auges tun, denn sie wissen genau, dass der Missbrauch in diesem Bereich gerade mal um die 2 Prozent liegt. Im Arbeitslosentreff habe ich keinen erlebt, der nicht arbeiten wollte. Ich habe eher erlebt, dass durch die Änderung von Fördermöglichkeiten der Agentur für Arbeit auch immer wieder Arbeit verhindert wurde.

Fördern solche Pauschalurteile die soziale Ausgrenzung von Arbeitslosen?

Kuhn: Ja. Ich finde es unverantwortlich, Menschen, die sowieso arm und ausgegrenzt sind, noch zu stigmatisieren und zu diffamieren.

Warum wehren sich Arbeitslose nicht gegen solche Verurteilungen? Spielt da ein Gefühl der Ohnmacht und des Versagens mit?

Kuhn: Das Gefühl der Ohnmacht steht sicher im Hintergrund. Wenn die gesellschaftliche Teilhabe ohnehin nicht mehr so stark ist, dann ist es schwierig, sich zu solidarisieren.

Wie haben Sie die Arbeitslosen in 15 Jahren Treffpunkt erlebt? Gibt es Veränderungen?

Kuhn: Im Mai 1995 haben Betroffene mit mir überlegt, wie man so einen Treffpunkt gestalten könnte. Wir wollten dann im Wechsel einen Abend mit Thema und einen mit offenem Gespräch. Im offenen Treff ging es sehr stark um gegenseitige Anteilnahme, Unterstützung und Beratung. Inzwischen gibt es keine offenen Treffen mehr, das heißt, die Solidarität untereinander scheint mir nicht mehr so stark ausgeprägt zu sein wie in den ersten zehn Jahren. Die Arbeitslosen kommen heute, wenn sie sich von einem Thema gezielt Informationen erwarten. Dahinter steht sicher der enorme Druck, der auf ihnen lastet: Bewerbungen und der Überlebenskampf mit dem wenigen Geld aus Hartz IV. Die finanzielle Situation hat sich wesentlich verschlechtert.

Daran ändern 5 Euro mehr nichts?

Kuhn: 5 Euro sind ein Skandal. Da stehe ich hinter den kirchlichen Sozialverbänden, die das heftig kritisieren. Armut ist politisch gewollt. Für die gesellschaftliche, politische und kulturelle Teilhabe, die das Bundesverfassungsgericht angemahnt hat, bleibt da nichts.

Welche Chancen haben ältere Arbeitslose eigentlich noch?

Kuhn: Die Chance der so genannten Langzeitarbeitslosen und der über 50-Jährigen ist äußerst gering. Es gibt immer wieder welche, die kurze Zeit Arbeit finden und dann wieder arbeitslos sind. Eine gesicherte Rückkehr ist selten möglich. Das Angebot von Leiharbeit und prekären Arbeitsverhältnissen trägt dazu natürlich auch bei.

Welche Rolle spielt dabei die berufliche Qualifikation?

Kuhn: Die berufliche Qualifikation, die irgendwann einmal erworben wurde, spielt eine immer geringere Rolle, je länger die Arbeitslosigkeit dauert. Ich erinnere mich an eine Diplom-Chemikerin, die nach längerer Mutterpause erfuhr, ihr Diplom interessiere keinen mehr.

Welche Gruppe von Arbeitslosen kommt in den Plochinger Treff?

Kuhn: Wir erreichen überwiegend Langzeit-Arbeitslose und über 50-Jährige, teilweise aber auch die über 40-Jährigen.

Welche konkreten Hilfen bietet der Treff heute?

Kuhn: Wir haben zwei Schwerpunkte: Informationen wie zum Beispiel Rechte und Pflichten beim Bezug von Arbeitslosengeld 2 sowie bei den Kosten für Unterkunft und Verpflegung. Zweitens machen wir Angebote, die das Selbstwertgefühl, das Selbstbewusstsein und das Selbstvertrauen stärken. Das kann Theaterarbeit sein, bei der ich lerne, mich standhaft hinzustellen, das kann aber auch Anregung und Reflexion guter, gelingender Kommunikation sein.

Seit 15 Jahren leiten Sie den Treff. Das ist eine Art Sisyphusarbeit, die nicht enden will. Was treibt Sie dabei an?

Kuhn: Ich bin nicht nur Psychologe, sondern auch Theologe. Mich motiviert die Offenheit und Weltzugewandtheit des Zweiten Vatikanischen Konzils. Ein Schlüsselsatz ist mir wichtig, der sinngemäß lautet: Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Christen. Deshalb ist es mir wichtig, an der Seite von Benachteiligten zu stehen. Es war nicht immer leicht. Aber ich habe im Treff tolle Menschen erlebt, die etwas können, die hochkompetent die anderen beraten. Das hat mich motiviert.

zum Artikel (Esslinger Zeitung)

Arbeitslosentreff Artikel EZ 13.10.2010 (JPG-Format) zum Herunterladen